Eine Basler Geschichte: vom Schauspieler zum Architekt zum Pionier zum Kapitän

By beindependent | 2.08.2014

Es ist wieder Zeit für das Floss, nur verhindert der hohe Pegelstand bisher leider die Verankerung. Also finden die Konzerte vorerst an Land statt. Ein Gespräch mit dem Basler Kultur-Pionier und Floss-Initiator Tino Krattiger.

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1996 gab es in Basel auf dem Rhein erstmals ein Kulturfloss, anfangs mit Theateraufführungen, ab 2001 mit Konzerten. Die Musik rief damals verschiedene Gegner auf den Plan, die sich gestört fühlten. Tino Krattiger, Vater und Umsetzer der Floss-Idee, musste so ziemlich alle Rechtsinstanzen durchlaufen, bis hin zum Bundesgericht. Wie es sich für einen echten Pionier gehört, gab er nicht auf und setzte sich am Ende durch – womit eine grosse Bereicherung des Basler Kulturlebens erhalten werden konnte. Dem «Basel Insider» zufolge soll er in der heissen Phase des Rechtsstreits hinter vorgehaltener Hand schon als Basels neuer «Wild Maa» bezeichnet worden sein. Im Interview verrät er uns, wie es in diesem Jahr trotz Wasserüberschuss weitergeht und weshalb «Z’Basel an mym Rhy» 2013 auf der Liste seiner Lieblings-Songs landete.

Der Wasserstand des Rheins will nicht recht sinken. Wie planen Sie für die nächsten Tage? 

T. Krattiger: Vorerst bleiben wir wohl Landratten. Ich kann langsam keine Apps oder Wetterberichte in den Medien mehr sehen! Der Pegel ändert sich laufend, aber insgesamt bleibt es einfach zu viel Wasser. Könnten wir das Floss verankern, wäre es problemfrei zu handhaben, nur ist das bei diesen Pegelständen unmöglich. Aber ich bleibe optimistisch!

Wenn man sich ein wenig über sie erkundigt, erfährt man so einiges, was sie «eigentlich» sind: Architekt, Schauspieler, oder «eben doch kein wilder Mann». Gestatten Sie die Frage: Was sind Sie... eigentlich?

T. Krattiger: Soll ich jetzt sagen, dass ich eigentlich Bäcker bin?

 

Kommt drauf an – fühlen Sie sich denn als Bäcker?

T. Krattiger: Nein. Aber in solchen Momenten, wenn man ein Floss angekündigt und dann keines da ist, wünsche ich mir manchmal, ich wäre Bäcker geworden. Das ist zwar kein «9-to-5»-Job, aber man hat doch geregelte Arbeitszeiten und eine sehr klare Aufgabe. Im Ernst: Was bin ich? Ja, ich bin Schauspieler. Mit 17 habe ich meine Leidenschaft fürs Theater entdeckt und wollte nur noch dafür leben und arbeiten. Das habe ich durchgezogen und sogar mein eigenes Theater mit Namen  marat/sade gegründet. Dieses hat mich über 20 Jahre hinweg beschäftigt, wir haben 22 Stücke inszeniert. Bis das Floss ins Spiel kam. Vorher wurde ich noch Architekt und Politiker. Ach ja, ausserdem Baumpflanzer, Vater und Hausbauer. Ich habe meinen Job also – eigentlich – getan.

 

Das Floss fand erstmals 1996 statt, damals noch mit Theateraufführungen. Wie kamen Sie auf diese Idee?

T. Krattiger: Ich hatte ursprünglich ein Kellertheater am Petersplatz, das wegen Rennovation am Gebäude geschlossen wurde. Auf der Suche nach einem neuen Spielort kamen wir auf die Grün 80, die damals noch ein kleines Pärkchen war. Unbefriedigend – aber draussen zu spielen fanden wir toll. Also ging es für zehn Jahre weiter ins Amphitheater am Kannenfeldpark. Anschliessend führten wir Stücke im Bereich zwischen Elisabethenkirche und Kunsthalle auf, was aber schlicht zu teuer kam. Somit war ich wieder auf der Suche. Da ich nichts finden konnte, stellte ich mir die Frage: Wo würde ich mich nie trauen, etwas aufzuführen? Auf dem Rhein! Schon hatten wir die Lösung. Im ersten Jahr legten wir unmittelbar flussabwärts von der Mittleren Brücke an und spielten «Das Dreirad» von Fernando Arrabal. In den nächsten drei Jahren spielten wir vor dem Münstermuseum, doch ich war unzufrieden. Wir waren so nah am Ufer und fest verbunden, dass ich mir selbst sagte: Das ist doch kein richtiges Floss!

 

Sie änderten daraufhin nicht nur die Lage der schwimmenden Bühne, sondern auch das Konzept. Statt Theater gab es Musik – es zu einem langwierigen Rechtsstreit mit Anwohnern führte. Das Schicksal jedes Pioniers: sich gegen Widerstände durchsetzen zu müssen?

T. Krattiger: Ja, ohne Kampf geht so etwas praktisch nie von statten. Auch wenn man dazu eigentlich gar keine Lust hat. Man sucht diese Konfrontation ja nicht um ihrer selbst willen, im Gegenteil, sie erzeugt eher Zweifel und Angst. Der Kampf dauerte vier Jahre, und für mich ging es um alles, um meine Existenz. In der Nachbetrachtung war das ein fantastisches Spiel, es hat viel bewegt. Doch während man mittendrin steckt, ist es deftig! Ich selbst habe mich dadurch verändert und bin gewachsen. Zur Geschichte des Flosses gehört dieser Konflikt einfach dazu.

 

Ein Pionier braucht also nicht nur Beharrlichkeit, sondern auch die Fähigkeit, sich zu verändern?

T. Krattiger: Absolut. Alle guten Geschichten haben mit Veränderung zu tun. Natürlich darf man seine Grundfesten dabei nicht aufgeben, aber nur stur zu sein, bringt ein Projekt nicht weiter. Man muss seinen «Feind» kennen und verstehen wie er denkt, auch wenn man einen ganz anderen Standpunkt hat. Ich habe mit meinen Widersachern immer kommuniziert, was der Sache am Ende nur gedient hat.

 

Ist das ein Ergebnis des politischen Systems in der Schweiz: Man schlägt die Tür nie ganz zu, weil man genau weiss, dass man später eben doch wieder miteinander arbeiten oder verhandeln muss?

T. Krattiger: Diese ständige Kompromissbereitschaft nervt manche auch. Aber wahrscheinlich ist sie eine wichtige Schweizer Qualität. In unserem Fall ging es ja auch um einen Generationenkonflikt. Was darf man nicht, was darf man? Und mit welchen Mitteln?

 

Diesen Kampf haben sie erfolgreich geführt, findet das Floss zum 15. Mal statt. Gibt es Momente, die Ihnen in besonderer Erinnerung geblieben sind?

T. Krattiger: Als letztes Jahr Patent Ochsner auftraten, hatten wir ein unfassbares Erlebnis. Sänger Büne Huber wollte gerade nach 90 Minuten das Konzert beenden, als seine Band die ersten Töne von «Z’Basel an mym Rhy» spielte – er war selbst völlig überrascht davon. Bei den 4000 bis 5000 Zuschauern setzte der Muttenzer-Kurve-Reflex ein, einige sangen mit, also spielten die Musiker weiter. Man schaukelte sich gegenseitig hoch, und dann ergab sich, wie ich das sehe, eine kollektive Erkenntnis. Man kennt das Lied ja wirklich vor allem aus dem Fussball-Stadion, aber vor dieser Kulisse, mit Blick auf den Rhein und das Münster, begriffen die Menschen den Inhalt des Lieds auf eine völlig neue Art. Am Ende sangen mehrere tausend Leute alle Strophen bis zum Ende, aus voller Kehle, ein kollektiver Bewusstseinsprozess. Gänsehaut pur. Büne Huber schrieb mir noch am gleichen Abend eine SMS: «So etwas habe ich noch nie erlebt!»

 

Am 14. August spielen mit Stiller Has alte Bekannte – sie waren schon im ersten Jahr dabei. Eine besondere Beziehung?

T. Krattiger: Ja, da gibt es grosse Dankbarkeit. Als wir das Floss erstmals auf den Rhein brachten, sah das alles noch ziemlich sch*** aus, provisorisch zusammengebastelt, so ehrlich muss man ja sein. Ich habe erst kürzlich alte Bilder gesehen, da bin ich regelrecht erschrocken. Wir haben auch jeden spielen lassen, das Motto war: Wir machen ein breites Fenster, jeder darf mitmachen. Wir hatten mal mehr, mal weniger Zuschauer, aber viele wollten das nicht sehen. Und dann dieser Stille Has, der gerade auf dem Sprung war, hip zu werden. Am Abend zuvor hatten wir 50 Zuschauer gehabt, aber ihn wollten etwa 1'000 Leute sehen. Plötzlich war jede Treppenstufe besetzt. Nach diesem Konzert gingen die Zahlen wieder zurück, aber an diesem Abend wurde der Grundstein gelegt. Auch die Kontroversen fingen damit an, weil wir wahrgenommen wurden.

 

Wie reagierten Sie anfangs?

T. Krattiger: PR-technisch waren wir gegenüber den Anwohnern natürlich klar im Vorteil: Das Floss war Robin Hood. Es erobert den schönen, freien Raum, und verteilt ihn mit Gratis-Konzerten an alle. Dem gegenüber standen die Sheriffs von Nottingham, die deswegen vor Gericht gingen. Das Volk kam an den Rhein und solidarisierte sich. Jedes Konzert war auch eine Demonstration gegen die Sheriffs. Diese Geschichte wurde auch durch Stiller Has ausgelöst.

 

Sie haben eingangs erwähnt, dass Sie als Vater, Hausbauer und Baumpflanzer Ihren Job – eigentlich – erledigt haben. Was niemand glaubt, der Sie kennt. Was darf man von Tino Krattiger in den nächsten Jahren erwarten?

T. Krattiger: Wo kann man die Befindlichkeit der Leute besser spüren, als im öffentlichen Raum? Diesen Gedanken würde ich gerne interaktiv umsetzen. Ich würde gerne ein Projekt im Stile von Sin City lancieren, bei dem wir ein Jahr lang gemeinsam eine Stadt im Internet bauen. Dazu braucht es einen real gesteckten Perimeter, der tatsächlich existiert, zum Beispiel unser Hafenareal. Da hat es Hochhäuser, Container, Umschlag-Terminals ... alles, was das Herz begehrt. Hier bauen wir interaktiv eine Stadt, erst einmal nur im Internet. Daran kann jeder nach vorher festgelegten Kriterien mitarbeiten. Man wird zusammenarbeiten, streiten, feilschen, koalieren. Es wird eine Polizei geben, es wird Straftäter geben, es wird Verliebte geben; ein Abbild des Lebens eben. Alle Beteiligten wissen: Am Tag X ziehen wir den Stecker, und der Stand, den wir bis dahin erreicht haben, wird live durchgespielt, auf dem echten Hafenareal. Dazu laden wir die Bevölkerung ein und sagen: Das ist unsere Stadt. Als Zeitraum schlage ich drei Tage vor, damit hat man in Basel gute Erfahrungen gemacht. Vielleicht wären sogar Hochschulen interessiert, das Ergebnis auszuwerten.

 

Wir bitten jetzt schon um eine Einladung. Noch eine letzte Frage, Herr Krattiger: Wann waren Sie eigentlich zuletzt im Rhein schwimmen?

T. Krattiger: Mit meinem kleinen Sohn, vor etwa drei Wochen. Ich mache mir auch keine Sorgen: Das Wasser fliesst am Ende doch immer ins Meer – also weg von uns!

 

Herr Krattiger, vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg für die weiteren Floss-Tage!

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