Hier gibt’s was auf die Ohren

By beindependent | 20.11.2014

Fahrten mit dem ÖV können mit einer gewissen Langeweile verbunden sein, wenn man ohne die entsprechende Ausrüstung unterwegs ist. Die Pioniere von «Brotseiten» lassen Kurzgeschichten vorlesen – und sorgen damit für deutlich mehr Spass im Pendleralltag.

Beitrag teilen:

 

372 Aufrufe

 

Vielen Pendlern dürfte diese Situation wohl vertraut sein: Sitzplatz im Zug gesichert, Latte-Becher auf dem Mini-Tisch abgestellt, die Zeitung ausgepackt. Erstaunlicherweise hat man diese jeden Tag aufs Neue nach ziemlich genau 20 Minuten (im Zweifel auch mal schneller) durch ... um sich dann ein wenig verloren und mit mal mehr, mal weniger Enthusiasmus durch die Apps auf dem Smartphone zu klicken. Ein Start-up aus Luzern hat sich vorgenommen, diese «leere Zeit» mit Inhalt zu füllen. Nicht mit mehr von diesen austauschbaren, nach dem ewig gleichen Strickmuster gefertigten Sekundenzeigerbeschleunigern, sondern mit echtem, anspruchsvollen Inhalt. Dafür setzen Marco Grüter und Adrian Fluri, die Gründer des Unternehmens, auf eine in Europa leider etwas stiefmütterlich behandelte Form der Unterhaltung: auf Short Stories. Diese werden in Form von Hörbüchern fürs Smartphone und Tablet kostenlos und im Abo angeboten.

Wenn wir ganz harte Massstäbe anlegen, dürften wir über Fluri und Grüter respektive über ihr Unternehmen mit dem wunderbaren Namen «Brotseiten» eigentlich kein Wort verlieren. Schliesslich geht es bei diesem Blog vor allem um die Unabhängigkeit – und die beiden haben laut Eigenerklärung vor, Menschen abhängig zu machen: Sie verstehen die vorgelesenen Kurzgeschichten als «Wiedereinstiegsdroge» für all jene, die dank Dauerstress und elektronischer Berieselung den Kontakt zur Literatur verloren haben. Doch so sehr uns die Idee der Abhängigkeit auch widerstrebt, dieser kulturellen Mission können wir guten Gewissens unseren Segen erteilen. Zumal Marco Grüter und Adrian Fluri mit Fug und Recht als Pioniere bezeichnet werden dürfen. Die beiden hatten sichere Jobs, sehr ordentliche sei hinzugefügt, als Banker respektive in der Kommunikationsbranche. Doch Anfang 2013 entschieden die Beiden, dass für sie der Moment gekommen war, ihrem Herzen zu folgen und einen neuen Weg einzuschlagen.

Nach rund einem Jahr Vorbereitungszeit gelang es, die App «Brotseiten» im März 2014 lancieren. Erfolge konnten bereits in mehrfacher Hinsicht erzielt werden, hier ein Schnelldurchlauf: Aufs Verlagsseite arbeitet man – nur eine Auswahl – mit Häusern wie Suhrkamp, Hanser und Diogenes. Die «Brotseiten» werden gefördert unter anderem von der Albert-Koechlin Stiftung und Pro Helvetia. Mit dem seif Award (für Social Entrepreneurship) und dem Red Dot Award (für Design) konnten bereits zwei bedeutsame Auszeichnungen eingefahren werden. Zu den Autoren der verfügbaren Geschichten gehören Peter Stamm, Emil Steinberger und Franz Hohler. Doch genau darum soll es nicht - ausschliesslich - gehen: Die «Brotseiten» wollen ausdrücklich auch noch weniger bekannten Nachwuchs-Autorinnen und Autoren sowie Slam Poeten eine Plattform bieten, um sich einem breiten Publikum zu präsentieren.

Als Zielpublikum sehen Adrian Fluri und Marco Grüter vor allem die Pendler in öffentlichen Verkehrsmitteln. Trotzdem gehört auch das Auto für zum Alltagsgeschäft – ja, sehr wörtlich «das» Auto. Mitten ihrem Start-up-Büro in Luzern steht nämlich ein alter Ford Escort, der von einer iranischen Künstlerin in ein Mahnmal für die Revolution in ihrem Heimatland verwandelt wurde. Dabei handelt es sich aber nicht um ein exklusives Einrichtungsstück, welches Grüter und Fluri mitgebracht haben. Bei ihrem Einzug war es schon da, also haben sie sich einfach drum herum eingerichtet. Sie haben das Beste aus der Situation gemacht. Pioniere eben.

 

Beitrag teilen:

 

372 Aufrufe

Kommentare